Sachbuch

Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung von Emilia Roig

Worum geht´s?
Innerhalb ihres Buches zeigt Emilia Roig die verschiedenen Gesichter der Unterdrückung auf. Sie zeigt die hässlichen Fratzen des Rassismus, der Homofeindlichkeit, des Patriarchats und viele weitere Zeichen von Ungerechtigkeit und mangelnder Solidarität. Gleichzeitig zeigt sie Strategien auf, wie wir uns von diesen Fesseln lösen können.

Meine Meinung:
Was für ein Buch. Man kann es kaum beim einmaligen Lesen erfassen, was in dieser Bibel der Gesellschaftsanalyse und Systemkritik alles steckt und ich bin geneigt, diesem Buch einen festen Platz in meiner immer wieder zu lesenden Bücher zu geben.

Emilia Roig spricht hier von Erfahrungen, die sie selbst prägten und die sie selbst erst spät einordnen und reflektieren konnte. Ihr Buch unterteilt sie in verschiedene Aspekte unseres täglichen Lebens und schafft es, mich selbst in eine missliche Lage zu bringen, ob es wegen meiner privilegierten Unwissenheit oder meines eigenen Unvermögens, Stereotype abzulegen und nicht in Schubladen zu denken, ist.

Niemand kann nachempfinden, was es bedeutet, Opfer von Rassismus zu sein. Und ich spreche hier nicht “nur” von Beleidigungen, derer die BIPoC innerhalb ihres Lebens so oft ausgesetzt sind. Ich spreche hier von einem strukturellen Problem, welches unsere Gesellschaft seit Generationen prägt und innerhalb unserer Sozialisation so unglaublich präsent ist, dass es ein immenser Schritt ist, um sich einzugestehen, dass dies nicht die Normalität sein darf. Niemand darf aufgrund seiner Herkunft, Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner körperlichen Funktionalität, seines Bildungsstandes oder anderer Klassifizierungsmerkmale diskriminiert oder herabgewürdigt werden.

Die Autorin schafft eingehend ein klares Bild, in welchem sie uns fragt, wieso das Leben einer Fliege weniger wert hat, als unser Eigenes. Eine spannende Frage, über welche man allein wohl schon ein ganzes Buch füllen könnte.

Emilia Roig hat klare Worte und formuliert sachlich und teilweise dennoch sehr persönlich, welche Schwächen unsere Gesellschaft hat. Und diese Probleme beginnen schon im Kleinen, in der Familie und zu Hause. Rassismus prägt, egal ob bewusst oder unbewusst, unseren Alltag. Egal ob in der Schule, im Büro oder im höchstpersönlichen Alltagsleben, wir kommen nicht umhin, uns eingestehen zu müssen, dass wir tief verwurzelten rassistischen Strukturen ausgeliefert sind. Sehen wir nur mal die Debatte um den “Rasse”begriff, welchen wir derzeit über unser Grundgesetz erleben. Die Autorin erklärt, dass es biologisch überhaupt keine Zuordnung nach Rassen gibt. Biologisch sind wir Menschen, und dass diese unterscheiden, zu welcher “Rasse” sie oder andere gehören, ist ein Prozess der sozialen Entwicklung. Die “Rassenfrage” sollte den Menschen soziale Orientierung und Einordnung geben, und, natürlich, sie sollte Machtverhältnisse schaffen und sichern. Natürlich gibt es phänotypische Unterschiede zwischen uns Menschen und jeder hat seine eigenen individuellen Merkmale, dennoch ist der Begriff der “Rasse” reine Willkür und soll insbesondere Unterschiede zwischen den Menschen schaffen und verhärten und eine solidarische Gemeinschaft gleichberechtigter Individuen verhindern. Roig arbeitet hier mit vielen Beispielen, bei welchen jede:r sich selbst reflektieren kann. Und ich habe während des Lesens festgestellt, dass es besser ist, sich selbst zu reflektieren, als aus Scham oder einem Gefühl von Angriff auf die eigene Person, Fakten zu ignorieren. So ist es beispielsweise nicht löblich, wenn eine weiße Person von sich behauptet, dass sie keine Farben sieht, denn dies blendet insbesondere Probleme der Menschen aus, die eine andere Hautfarbe haben, als eine weiße. Und auch, wenn es für uns weiße Personen schwer nachzuvollziehen ist, wie es sich anfühlen muss, wenn man aufgrund einer nicht beeinflussbaren biologischen Gegebenheit angefeindet wird, heißt das nicht, dass wir nicht solidarisch für Menschen einstehen können. 

Aber nicht nur Rassismus ist in diesem Buch ein großes Thema, es werden auch Probleme aufgeworfen, die andere Teile der Gesellschaft betreffen. Neben unseren fest verwurzelten rassistischen Strukturen, haben sich auch festgefahrene alte Rollenbilder etabliert. Roig schreibt von der Gleichberechtigung der Frau in der Ehe und stellt dabei fest, dass die Ehe ein Konstrukt des Patriarchats ist, welches nur geschaffen wurde, um eben dieses zu schützen. Die Frau übernimmt nicht nur die Rolle als Mutter, sie verrichtet den größten Teil der (unbezahlten) Carearbeit und ist bestrebt, dem Mann (und Ernährer der Familie) den Rücken freizuhalten. Feminismus muss eindeutig mehr sein, als das Gendern der Sprache und ich bin überzeugt, dass viele sich bewusst sind, dass der Schritt zur vollkommen gleichberechtigten Lebensweise aller Geschlechter noch Unmengen an Zeit und Geduld erwarten. Nichtsdestotrotz sollten wir anfangen, anfangen zu benennen, was Frauen leisten, fähig sind zu leisten und dass sie das Recht haben, laut zu sein. Natürlich ist es über Generationen zur Normalität geworden, dass Frauen sich um Haushalt und Kinder kümmern. Aber, weder sind Männer nicht in der Lage dies nicht auch im gleichen Maße zu tun, noch kann eine Frau keine anderen Aufgaben erledigen. Wir müssen uns frei machen von diesen veralteten Gedanken. Und das fängt schon bei uns selbst an, bei unseren Gedanken und Vorurteilen. Wie oft werden Mütter kritisiert, wenn sie Vollzeit arbeiten gehen? Wie oft stellt man ihre Liebe und Fürsorge in Frage? Und, die wichtigste Frage, was gibt uns das Recht dazu, so darüber zu urteilen? 

Frauen und nicht-weiße Menschen werden in so vielen Bereichen benachteiligt und unbewusst unterdrückt. Insbesondere BIPoC erhalten schlechtere Noten (trotz gleicher Leistungen!), weniger Förderung und haben somit viel schlechtere Chancen zu einem guten Leben.

Viele weiße Menschen reagieren beim Thema Rassismus sensibel, fühlen sich angegriffen (oder ertappt?) und gehen in die Offensive. Man spricht von Rassismus gegen weiße Menschen. Das ist völliger Quatsch, das gibt es nicht. Weiß sein ist ein Privileg und schon allein damit, ist das Leben in unserer heutigen (und natürlich der vergangenen) Welt viel einfacher und voller Möglichkeiten. Natürlich können wir Opfer von Diskriminierung werden, aber einen strukturellen Rassismus gegen Menschen mit weißer Hautfarbe hat es nie gegeben! Weiße Menschen haben seit jeher Macht und tun alles dafür, diese zu erhalten.

Schauen wir doch nur mal in unsere Popkultur. Filme, Bücher, Theaterstücke und Musik. Alles wird an weißen Menschen ausgerichtet oder sogar durchgeführt. Wenn Kultur ohne Präfixe benannt wird, ist sie weiß. Setzt man ein Ethno oder Exotic davor, ist sie von und für Schwarze Menschen gemacht. Schaut Euch mal um, nehmt Euch Bücher, Filme oder werft einen Blick in unsere Lehrpläne. Schwarze Menschen haben kaum Raum und müssen sich nach unseren Idealen richten.

Unsere Weltgeschichte ist voll von Helden (oder Gräuel-)taten weißer Männer, aber wo steckt das Wissen und die Erinnerungskultur über den Kolonialismus?

Emilia Roig versucht in ihrem Buch gewisse Dinge zu erklären und belegt dies mit Beispielen, bei denen man wahrlich in Tränen ausbrechen und sich insbesondere schämen möchte. So erklärt sie die “racial empathy gap”, kurz und auf deutsch gesagt, wir weißen können bzw. wollen uns nicht in Menschen mit anderer Hautfarbe hineinversetzen. Wir haben vielleicht Mitleid mit diesen Personen, aber wir empfinden keine Empathie. So haben Schwarze Patienten in den Augen weißer Pfleger weniger Schmerzempfinden, bzw. wird ihnen der Schmerz nicht zugestanden, was darin mündet, dass sie anders, falsch oder unzureichend behandelt werden. Macht Euch das mal bewusst, Menschen bekommen keine Schmerzmittel, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht als ernstzunehmend und wichtig genug eingestuft werden. Das ist einfach nur schlimm.

Vielleicht ist es schwer vorstellbar, aber auch hierfür findet Roig die passenden Worte. Für eine:n Rollstuhlfahrer:in empfinden wir Mitleid. Es tut uns leid, was ihm/ihr widerfahren ist, wahrscheinlich insbesondere deshalb, weil wir es selbst nicht erleben möchten und dennoch haben wir nur Mitleid und keine Empathie. Empathie würde bedeuten, die Welt mit den Augen des eingeschränkten Menschen zu sehen, und zu merken, welche Schwierigkeiten er/sie im Alltag zu bewältigen hat. Habt ihr schon mal einen Blick auf barrierefreiheit geworfen, obwohl ihr nicht betroffen seid?

Die Überlegenheit der weißen Gesellschaft wird überall deutlich. Selbst in der Drogerie. Schaut doch mal, welche Farben ihr bei Abdeckstiften findet. Unzählige weiße Töne… Und dann zählt die dunkleren Nuancen.

Die Vielschichtigkeit des Buches ist immens, denn Roig beschäftigt sich auch mit Themen wie Kriminalität und Arbeit. Selbst Krankheiten werden nochmals intensiv beleuchtet. Erschreckend eindrucksvoll empfand ich hier die Auswirkungen von jahrelanger Unterdrückung auf den menschlichen Organismus. Martin Luther King starb mit 39 Jahre, aber sein Herz, gebeutelt von Diskriminierung und einem Kampf gegen Rassismus, war bei seinem Tod das eines 60-jährigen.

Menschen mit Rassismuserfahrungen wird psychologisch kaum geholfen, weil es schlichtweg an Psychologen (etc.) fehlt, die zum einen nicht der racial empathy gap unterliegen und zum anderen vielleicht sogar selbst BIPoC sind.

Abschließend zeigt die Autorin auf, wie wir aus diesem Kreislauf von Unterdrückung herausbrechen können. Dazu gehören zum einen natürlich die Abkehr vom Patriarchat und Kapitalismus und zum Anderen die Einsicht, dass wir neue Strukturen benötigen, bei denen alle Menschen berücksichtigt werden.

Emilia Roig hat hier ein gesellschaftliches Meisterwerk vorgelegt, welches einmal mehr aufrüttelt und Missstände aufzeigt und dennoch sanft und sachlich erscheint.

Ich las das Buch meistens Kopfschüttelnd und erzürnt und dennoch in dem Bewusstsein, dass ich von den meisten der aufgeführten Missstände nicht betroffen bin. Und genau darum ist es wichtig, dass gerade wir uns stark machen und uns an die Seite derer stellen, die weniger Privilegien haben, für sie einstehen und uns für einen Wandel der Gesellschaft stark machen, in welcher wir alle gleichberechtigt leben dürfen. Im Übrigen genauso gleichberechtigt, wie die Fliege an der Wand!

Danke an Emilia Roig für dieses großartige Buch. 

Fazit:
Absolutes Lesemuss für alle, die wollen, dass wir uns eine Gesellschaft schaffen, in der alle Menschen den gleichen Stellenwert haben.

Das Buch findet ihr auf meiner #kohsiebookwall in der @kohsie.halle Buchhandlung. Das Buch könnt Ihr direkt im Laden kaufen oder über den Online Shop.

Leider war dies der letzte Beitrag zu meiner eigenen kleinen Buchwand. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht und ich danke Sarah unheimlich, dass sie mir diese Möglichkeit gegeben hat.

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